Fassadendämmung: Mineralwolle, Styropor oder Hanf?
Die energetische Sanierung der Gebäudehülle ist einer der wirkungsvollsten Hebel für den Klimaschutz und zur Senkung der eigenen Energiekosten. Doch für viele Immobilieneigentümer beginnt das Projekt mit einer Flut an Fachbegriffen, Materialabkürzungen und der Sorge vor Bauschäden.
Kürzlich erreichte mich eine Anfrage eines Kunden, die das Dilemma vieler Sanierer perfekt zusammenfasst:
“Ich habe ein Angebot für Steinwolle-Dämmung vorliegen. Aber an meiner Ferienwohnung auf Norderney ist Wasser in die Wolle eingedrungen – seit Jahren habe ich deshalb Rechtsstreitigkeiten. Wäre Styropor nicht die sicherere Alternative?”
Diese Frage ist der Startpunkt für unsere Reise durch die Welt der Dämmstoffe. In diesem Beitrag analysieren wir die drei großen Kontrahenten: Mineralwolle, Styropor (EPS) und die ökologische Alternative Hanf.
Q & A: Die wichtigsten Fragen zur Fassadendämmung
1. Mein Angebot spricht von „Mineralwolle“. Ist das dasselbe wie Steinwolle?
Ja und Nein. Mineralwolle ist der Oberbegriff für zwei Materialien: Glaswolle (gelb, aus Altglas und Sand) und Steinwolle (grün-braun, aus Vulkangestein). An der Fassade wird im Rahmen eines Wärmedämmverbundsystems (WDVS) fast ausschließlich Steinwolle eingesetzt, da sie druckfester und schwerer ist. Wenn Ihr Handwerker „Mineralwolle“ anbietet, meint er in 99 % der Fälle Steinwolle.
2. Kann ich auf eine bestehende „gummiartige“ Putzschicht einfach draufdämmen?
Ja. Viele moderne Häuser haben einen elastischen Kunstharz- oder Silikonharzputz. Dieser ist ein hervorragender Untergrund. Wichtig ist jedoch: Die neue Dämmung darf hier nicht nur geklebt werden. Sie muss durch den Altputz hindurch im Mauerwerk verdübelt werden, um die Last sicher abzufangen.
3. Warum wird oft EPS empfohlen und nicht das wasserdichte XPS?
Dies ist ein häufiges Missverständnis. EPS (Styropor) ist elastisch und haftet gut am Putz. XPS ist extrem hart und wasserdicht. Würde man die ganze Fassade mit XPS dämmen, könnte die Wand nicht mehr „atmen“ (Dampfdiffusion), und der Putz würde aufgrund der Steifigkeit des XPS reißen. XPS gehört nur in den Keller- und Sockelbereich.
4. Muss ich nach der Dämmung mein Lüftungsverhalten ändern?
Ja, unbedingt. Eine neue Fassadendämmung macht das Haus fast luftdicht. Während früher ein gewisser Luftaustausch durch Ritzen und Fugen stattfand, bleibt die Feuchtigkeit (vom Kochen, Duschen, Atmen) nun im Haus. Ohne konsequentes Stoßlüften (3–4 Mal täglich) oder den Einbau einer dezentralen Lüftungsanlage steigt das Risiko für Schimmelbildung im Innenraum deutlich an.
5. Verursacht eine Fassadendämmung wirklich Algenbildung (grüne Fassaden)?
Oft ja, aber das ist ein optisches, kein technisches Problem. Da die Dämmung die Wärme im Haus hält, bleibt die Außenfläche der Fassade nachts kühler. Dadurch bildet sich dort eher Tauwasser. Diese Feuchtigkeit ist der Nährboden für Algen. Mit speziellen mineralischen Putzen oder Farben mit „Lotuseffekt“ lässt sich dieses Risiko jedoch stark minimieren.
6. Brennt eine Styropor-Dämmung (EPS) nicht wie Zunder?
Nein, moderne Systeme sind sicher. EPS-Dämmplatten für die Fassade sind heute „schwerentflammbar“ ausgerüstet. Zudem werden bei Gebäuden bestimmter Höhe sogenannte Brandriegel aus Steinwolle eingebaut. Diese unterbrechen im Ernstfall den Brandweg und verhindern, dass Flammen die gesamte Fassade hinaufwandern. Wer maximale Sicherheit will, greift direkt zur nicht brennbaren Steinwolle.
7. Was passiert mit den Fensterbänken und Dachüberständen?
Diese müssen fast immer angepasst werden. Durch die neue Dämmschicht wird die Wand dicker (meist 12 bis 16 cm). Die alten Fensterbänke sind dann zu kurz und das Regenwasser würde direkt in die Dämmung laufen. Es müssen also neue, tiefere Fensterbänke montiert werden. Auch der Dachüberstand muss groß genug sein, damit die gedämmte Wand oben vor Regen geschützt ist; gegebenenfalls muss das Dach am Rand geringfügig verlängert werden.
8. Lohnt sich eine Dämmung überhaupt, wenn die Fenster alt bleiben?
Nur bedingt. Es ist energetisch nicht ideal, eine hochdämmende Wand mit alten, schlecht isolierten Fenstern zu kombinieren. Der kälteste Punkt im Raum wandert dann von der Wand zu den Fensterecken, was dort zu Kondenswasser und Schimmel führen kann. Experten empfehlen daher oft, die Fenster entweder gleichzeitig mit der Fassade zu tauschen oder zumindest die Fensterlaibungen (die schmalen Seitenflächen am Fenster) mitzudämmen.
9. Ist das Haus nach der Dämmung „eingepackt in Plastik“?
Das ist ein Mythos. Wände müssen nicht „atmen“ (im Sinne von Luft durchlassen) – der Luftaustausch erfolgt über die Fenster. Der wichtige Teil ist die Dampfdiffusionsoffenheit. Auch ein EPS-System lässt Wasserdampf in geringen Mengen durch. Wer jedoch ein natürliches Wohnklima und maximale Diffusionsfähigkeit bevorzugt, sollte statt Styropor lieber auf Steinwolle oder Holzfaserplatten setzen.
10. Macht es Sinn, die Fassadendämmung mit neuen Fenstern zu kombinieren?
Ja, das ist der energetische „Königsweg“. Wenn Sie beides gleichzeitig machen, können die neuen Fenster direkt in die äußere Dämmebene (vor das alte Mauerwerk) versetzt werden. Das verhindert Wärmebrücken am Fensterrahmen fast vollständig und sorgt für maximale Lichtausbeute.
Werden nur die Fenster getauscht, während die Wand ungedämmt bleibt, passiert oft Folgendes: Die neuen Fenster sind so dicht und gut gedämmt, dass die (nun kältere) Außenwand zum Schwachpunkt wird. Die Luftfeuchtigkeit kondensiert dann nicht mehr am Glas, sondern an der kalten Wandecke – das Risiko für Schimmel steigt massiv.
11. Was passiert, wenn ich die Fenster erst Jahre nach der Fassade tauschen will?
Das ist technisch schwierig und teuer. Wenn die Fassade bereits fertig gedämmt und verputzt ist, müssen die alten Fenster mühsam “herausgeschnitten” werden. Dabei wird die neue Dämmung in den Laibungen (den Seitenflächen der Fensteröffnung) fast immer beschädigt. Zudem ist es dann kaum noch möglich, das Fenster optimal bündig in die Dämmschicht zu setzen.
Praxis-Tipp: Wenn das Budget nicht für beides reicht, tauschen Sie lieber erst die Fenster und lassen Sie diese vom Handwerker bereits so einbauen (ggf. mit Überstand), dass die spätere Dämmung einfach bündig anschließen kann.
12. Gibt es für die Kombination mehr Fördergelder?
Ja, definitiv. Der Staat (z. B. über die KfW oder das BAFA) fördert Einzelmaßnahmen wie den Fenstertausch oder die Fassadendämmung oft mit 15–20 %. Wenn Sie jedoch ein Gesamtkonzept (einen individuellen Sanierungsfahrplan, iSFP) erstellen lassen und mehrere Maßnahmen kombinieren, können Sie zusätzliche Boni erhalten. Zudem sparen Sie Kosten für das Gerüst, da dieses nur einmal für beide Arbeiten aufgebaut werden muss.
13. Warum ist der Fenstertausch ohne Fassadendämmung riskant?
Wegen der Verschiebung des Kondensationspunktes. In einem alten, ungedämmten Haus sind die Fensterscheiben meist der kälteste Punkt. Wenn die Luftfeuchtigkeit im Raum zu hoch wird, schlägt sich das Wasser am Glas nieder (die Fenster „beschlagen“). Das ist zwar lästig, aber ein wichtiges Warnsignal: „Zeit zum Lüften!“
Tauschen Sie nun die Fenster gegen hochmoderne 3-fach-Verglasungen aus, ohne die Fassade zu dämmen, wird die Außenwand zum kältesten Punkt. Die Feuchtigkeit kondensiert nun unbemerkt an der kalten Wand (oft in Raumecken oder hinter Schränken). Da Tapete und Putz im Gegensatz zu Glas organisch sind, bietet die Feuchtigkeit dort den idealen Nährboden für Schimmel.
14. Ich habe die Fenster schon getauscht – oops! – wie verhindere ich jetzt Schimmel?
Wenn die Fassade erst später gedämmt werden kann, müssen Sie das Raumklima aktiv steuern:
- Hygrometer nutzen: Halten Sie die relative Luftfeuchtigkeit konsequent unter 50 %.
- Mehr Lüften: Da die neuen Fenster absolut luftdicht sind, fällt die „natürliche Zugluft“ weg. Sie müssen deutlich häufiger stoßlüften als vorher.
- Möbel abrücken: Stellen Sie große Schränke nicht direkt an ungedämmte Außenwände. Lassen Sie mindestens 5–10 cm Abstand, damit die Luft dahinter zirkulieren kann.
- Laibungsdämmung: Wenn möglich, lassen Sie zumindest die Fensterlaibungen (die schmalen Innenseiten der Fensteröffnung) mit speziellen dünnen Dämmplatten (Kalziumsilikat) verkleiden. Das entschärft die größte Kältebrücke direkt am Fenster.
15. Helfen Fensterfalzlüfter gegen das Schimmelrisiko?
Ja, als Basisschutz. Ein Fensterfalzlüfter ist eine kleine Klappe oder ein Schlitz im Fensterrahmen, der passiv Luft durchlässt.
- Der Vorteil: Er funktioniert ohne Strom und „denkt“ für den Bewohner mit, da er einen minimalen Grundluftwechsel sicherstellt (Feuchteschutzlüftung).
- Der Nachteil: Er ist relativ schwach. Bei hoher Feuchtigkeit (nach dem Duschen oder Kochen) ersetzt er das Stoßlüften nicht. Zudem geht wertvolle Heizwärme verloren, da die einströmende Luft kalt ist. Er ist eine günstige „Notbremse“, um das Schlimmste zu verhindern.
16. Ist eine dezentrale Lüftungsanlage die bessere Wahl?
Technisch gesehen: Ja. Hierbei werden kleine Ventilatoren direkt durch die Außenwand installiert (meist paarweise).
- Der Clou: Diese Geräte besitzen oft einen Wärmetauscher (Wärmerückgewinnung). Sie saugen warme verbrauchte Luft ab, speichern die Wärme in einem Keramikkern und geben diese Wärme an die frisch angesaugte Außenluft wieder ab.
- Das Ergebnis: Sie haben frische Luft und trockene Wände, ohne dass der Raum auskühlt. Für sanierte Altbauteile, bei denen die Fenster bereits getauscht, aber die Fassade noch ungedämmt ist, ist dies die sicherste Methode, um Schimmel dauerhaft vorzubeugen.
17. Wann reicht ein Falzlüfter und wann brauche ich eine Anlage?
Das hängt vom Sanierungsstand ab:
- Fensterfalzlüfter reichen oft aus, um die gesetzliche Mindestlüftung zum Feuchteschutz (nach DIN 1946-6) zu erfüllen, wenn die Bewohner regelmäßig zusätzlich manuell lüften.
- Dezentrale Lüftung ist empfehlenswert, wenn das Gebäude sehr dicht ist, die Bewohner tagsüber nicht zu Hause sind oder Allergiker im Haus leben (wegen integrierter Pollenfilter).
Der große Materialvergleich: Die drei Wege
Option A: Mineralwolle (Steinwolle) – Der hochwertige Allrounder
Mineralwolle ist das Material der Wahl für viele Architekten, da sie zwei kritische Probleme löst: Brandschutz und Schallschutz.
- Vorteile: Sie ist nicht brennbar (Klasse A1) – ein Sicherheitsaspekt, der bei Mehrfamilienhäusern oft Pflicht ist. Zudem schluckt sie Straßenschutz hervorragend.
- Die Feuchtigkeits-Problematik: Wie mein Kunde auf Norderney erlebte, ist Steinwolle hydrophil. Dringt Wasser durch Risse im Putz ein, saugt sie sich voll. In Gebieten mit weniger extremem Seeklima (wie z.B. Hameln) ist dieses Risiko gering, solange die Fensteranschlüsse perfekt abgedichtet sind.
- Nachhaltigkeit: Gut. Hergestellt aus Gestein, mineralisch und langlebig.
Option B: Styropor (EPS) – Die wirtschaftliche Lösung
EPS ist der Marktführer, vor allem wegen des Preises.
- Wirtschaftliche Erwägung: Ein System aus EPS ist oft 15 % bis 25 % günstiger als Steinwolle.
- Feuchtigkeit: EPS ist wasserabweisend. Ein Wasserschaden wie bei Steinwolle ist physikalisch nahezu ausgeschlossen.
- Nachteile: Es ist ein Erdölprodukt. Im Brandfall schmilzt es und kann zur Rauchentwicklung beitragen (erfordert Brandriegel). Zudem ist die Entsorgung von altem EPS heute oft teurer Sondermüll.
Option C: Hanfwolle – Die ökologische Innovation
Hanf ist der Geheimtipp für Hausbesitzer, die keine Kompromisse zwischen Sicherheit und Natur machen wollen.
- Der “Norderney-Killer”: Hanf ist von Natur aus schimmelresistent und kann Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben, ohne seine Dämmwirkung zu verlieren. Er verzeiht kleine Fehler in der Ausführung besser als Steinwolle.
- Nachhaltigkeit: Exzellent. Hanf bindet CO2 während des Wachstums und ist ein nachwachsender Rohstoff.
- Preis: Die teuerste Option (+20 % bis 30 % gegenüber Steinwolle), aber eine Investition in den langfristigen Immobilienwert.
Wirtschaftlichkeit & Förderung: Den Bonus von 15 % auf 20 % heben
Wer heute saniert, sollte nicht einfach anfangen. Die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) durch die BAFA ist ein entscheidender Faktor.
Standardmäßig erhalten Sie für eine Fassadendämmung (die bestimmte technische Werte wie einen U-Wert von max. 0,20 W/(qmK) erreicht) eine Förderung von 15 % der förderfähigen Kosten.
Der Experten-Tipp: Der iSFP (Individueller Sanierungsfahrplan)
Bevor Sie den Auftrag unterschreiben, sollten Sie einen zertifizierten Energieberater beauftragen, einen iSFP zu erstellen.
- Bonus-Erhöhung: Durch den iSFP steigt der Fördersatz für die Fassade von 15 % auf 20 %.
- Investitionsdeckel: Die förderfähigen Kosten verdoppeln sich von 30.000 € auf 60.000 € pro Wohneinheit und Kalenderjahr.
- Wirtschaftlichkeit: Bei Gesamtkosten von z.B. 27.000 € macht der Unterschied zwischen 15 % (4.050 €) und 20 % (5.400 €) bereits 1.350 € aus – oft mehr, als der iSFP nach Abzug der staatlichen Förderung für den Berater selbst kostet.
Fazit: Welcher Weg ist der richtige?
Es gibt nicht den einen „besten“ Dämmstoff.
- Wählen Sie Steinwolle, wenn Ihnen Brandschutz und Schallschutz am wichtigsten sind und Sie eine fachlich exzellente Firma für die Abdichtungsdetails haben.
- Wählen Sie EPS, wenn das Budget der entscheidende Faktor ist und Sie eine feuchtigkeitsunempfindliche Hülle wollen.
- Wählen Sie Hanf, wenn Sie ein wohngesundes Haus mit maximaler CO2-Ersparnis und hoher Robustheit gegenüber Feuchtigkeit wünschen.
Egal für welchen Weg Sie sich entscheiden: Starten Sie immer mit einem Energieberater und einem iSFP. Es ist geschenktes Geld vom Staat, das die Amortisationszeit Ihrer Dämmung um Jahre verkürzt.





